Wenn Farbe unter die Haut geht

Wie Bodypainting die Selbstwahrnehmung verändern und den Weg zur Selbstakzeptanz ebnen kann 


Gastartikel von Elisabeth Mader


„Wer ist diese Frau. Sie ist wunderschön.“ Dieser Satz fiel vor nicht allzu langer Zeit in meinem Atelier, direkt nach dem ersten Blick in den Spiegel. Langsam stiegen Tränen in die Augen, doch nicht aus Traurigkeit. Für einen Moment war da kein innerer Kritiker, keine innere Stimme, die vermeintliche Makel hervorhebt. Viel mehr war es ein neugieriges Staunen und die leise Erkenntnis, doch ganz okay zu sein, wie man ist. 


Solche Momente sind der Grund, warum ich heute über Bodypainting als Erfahrung spreche. Als etwas, das unter bestimmten Bedingungen psychologische Prozesse anstößt, die viele Menschen sonst nur schwer erreichen. Unser Gehirn, unser Nervensystem und unser Selbstbild reagieren besonders stark auf multisensorische Reize. Bodypainting ist mehr als nur Farbe auf der Haut, doch kann es sein, dass Bodypainting uns wirklich tiefer berührt und eventuell tiefgreifende Prozesse in Gang setzt?

Wer ich bin, und warum mich diese Frage nicht losgelassen hat 


Ich bin Elisabeth Mader. International ausgezeichnete Bodypainterin, Make-up-Artist und Mediendesignerin (B. A.). Seit 2012 arbeite ich als Make-Up Artist und Bodypainterin. Bodypainting war zu Beginn für mich lediglich ein weiteres, künstlerisches Medium. Anfangs ging es bei mir stark um Special Effects, Fantasy, Horror und Bühne. Ich wollte Bilder erschaffen, Rollen sichtbar machen, Welten öffnen. Mit den Jahren hat sich mein Fokus jedoch verschoben. Ich stellte schnell fest, dass die Zusammenarbeit mit dem Modell sehr viel interessanter für mich ist, als nur meine Kunst auf eine lebende, atmende Fläche zu malen.

Elisabeth (Foto: Julia Sidorenkova)


Ich begann zu beobachten, dass Modelle beim Blick in den Spiegel innehalten. Natürlich waren Farben und Kostüm ein Blickfang, doch da war etwas, das tiefer zu gehen schien. Es war, als ob sie sich das erste Mal bewusst betrachten, sich seit langem das erste Mal ansehen ohne sich und ihren Körper zu verurteilen. Viel größer war das Staunen und die Neugier den eigenen Körper neu zu entdecken und kennenzulernen. Nicht selten stiegen meinen Modellen Tränen in die Augen. Ein Satz der mir bis heute Gänsehaut bereitet ist folgender: „Ich bin ja doch schön“


Erst als sich die Muster wiederholten stieg in mir die Frage hoch ob es wirklich sein kann, dass ein Bodypainting einen Menschen wirklich emotional berühren kann und ich ging auf die Suche. Ich wollte verstehen, was da passiert. Ich habe angefangen, in der Psychologie nach Antworten für das zu suchen, was ich in der Praxis so oft miterlebe, und ich wurde fündig.

Bodypainting. Was es ist, und was es im Kern unterscheidet

 

Bodypainting ist mehr als „Körper bemalen“. Es ist Kunst auf einem dreidimensionalen, lebendigen Medium. Ein Körper gibt Linien vor, Muskulatur, Statur und Körperhaltung sind ausschlaggebend für den Rahmen der Gestaltung. Ein Motiv wirkt anders, je nachdem, wie jemand atmet, wie jemand steht, wie jemand sich bewegt. Doch neben den rein physischen Eigenschaften gibt es einen weiteren wichtigen Faktor: die Präsenz und Ausstrahlung eines Menschen. Es macht einen großen Unterschied, wie sich jemand fühlt. Gefühle und Emotionen beeinflussen unsere Körperspannung, unsere Haltung und wie wir nach außen hin wirken. Hier ist der erste Hinweis auf einen Zusammenhang von Kunst und Psychologie. Dazu kommt die Vergänglichkeit. Nach Stunden intensiver Arbeit existiert das Kunstwerk nur kurz, bevor es abgewaschen wird. Dieser Moment ist einzigartig, nur jetzt und hier. Das reale Erleben und wortwörtliche Begreifen des Moments existiert später lediglich als Erinnerung, und eventuell auf Foto oder Video, und doch scheint es als ob ein Bodypainting längerfristige Auswirkungen haben kann.


Denn hier liegt etwas Entscheidendes: Bodypainting ist nicht nur etwas, das man betrachtet. Es ist etwas, das man erlebt. Es verbindet visuelle Reize, körperliche Berührung, persönliche Zeit nur für sich, Aufmerksamkeit, Vertrauen, Verletzlichkeit und Mut. Diese Kombination zu erleben ist selten. Und sie ist wirksam.

Der blinde Fleck im Selbstbild. Warum wir uns im Spiegel oft nicht wirklich sehen


Die meisten Menschen glauben, sie wüssten, wie sie aussehen. Und doch ist das, was sie im Spiegel wahrnehmen ist meist kein neutrales Bild. Unser Selbstbild ist geprägt durch unsere Geschichte, soziale und kulturelle Prägung und die Erfahrungen, die wir in unserem Umfeld machen.


Ein Blick in den Spiegel und schon sind da die bekannten Gedanken: „Zu dick. Zu weich. Zu alt. Zu viel. Zu wenig. Zu…“ Unser Gehirn sucht bevorzugt nach Informationen, die das bestätigen, was wir ohnehin glauben. Wenn ich überzeugt bin, mein Bauch sei „nicht okay“, dann wird mein Blick genau dort hängen bleiben, und jeder ungünstige Winkel wird zur vermeintlichen Wahrheit.


Durch zig-Tausend Reize, denen wir permanent ausgesetzt sind ist unser Gehirn gezwungen zu filtern. Um Energie zu sparen arbeitet unser Gehirn mit Automatismen und Routinen. So auch beim Blick in den Spiegel. Wir schauen nicht wirklich bewusst hin. Wir haben eine Meinung von uns, scannen nur diesen Teil ab und holen uns unbewusst die Bestätigung für das was wir denken, nicht für das was wir tatsächlich sehen.


Das Problem ist. Dieser Autopilot lässt sich selten durch Willenskraft abschalten, da es kein bewusster Vorgang ist. Es braucht einen guten Grund für unser Gehirn diese Muster zu unterbrechen und bewusst neu zu bewerten. Erst dann wird eine neue Wahrnehmung möglich.

Elisabeth Mader („Metamorphosen“ Foto: Michael Wittig)

Was Bodypainting verändern kann. Der Pattern Interrupt als Türöffner


Bodypainting kann genau so ein Musterunterbrecher sein. Nicht immer. Nicht für jede Person gleich. Aber häufig genug, dass es auffällt. Und es wirkt auf mehreren Ebenen zugleich.


1. Der visuelle Bruch. Wenn das Gehirn neu sortieren muss


Ein bemalter Körper passt oft nicht mehr in die gewohnte Schublade. Das Spiegelbild ist vertraut und fremd zugleich. Genau diese Irritation ist spannend. Viele typische Selbstbewertungen greifen nicht mehr sofort, weil der Reiz zu neu ist. Die Aufmerksamkeit geht auf das Auffällige. Auf Linien,Farben, Details, Kontraste. Das ist der Moment in dem der Autopilot der Selbstwahrnehmung zumindest kurz pausiert und wir dadurch die Möglichkeit bekommen bewusst wahrzunehmen. Ich sehe oft das gleiche Muster. Zuerst ein spontaner Ausdruck. Ein Lachen. Ein „Oh“. Ein „Wow“. Stille. Dann ein zweiter langsamer Blick und irgendwann die Erkenntnis: Das bin wirklich ich.


2. Berührung und Nervensystem. Wenn Sicherheit fühlbar wird


Beim Bodypainting passiert etwas, das viele unterschätzen. Jemand berührt dich stundenlang. Achtsam, konzentriert, respektvoll, nicht beiläufig. Gleichmäßige Pinselstriche, die kühle Luft der Airbrush-Pistole. Rhythmus. Wiederholung. Wärme. Pausen. Das kann das Nervensystem deutlich beeinflussen. Achtsame Berührung kann den Parasympathikus aktivieren, also den Teil unseres autonomenNervensystems, der für Regeneration und Entspannung zuständig ist. Viele Modelle kommen während des Paintings sichtbar runter. Atmung wird tiefer. Schultern sinken. Gedanken werden leiser. Manche erzählen plötzlich Dinge, die sie lange in sich getragen haben, andere werden still, manche kommen sogar in einen Zustand, der einer Meditation oder sogar einer Trance ähnelt. Besonders bedeutsam wird das an Stellen, die Menschen sonst meiden. Bauch. Oberschenkel. Narben. Haut, die sie selbst kaum anfassen. Wenn diese Bereiche im Painting behutsam und ohne Urteil berührt werden, folgt auf kurzes Unbehagen meist ein Gefühl von: von: „Es ist okay“.


3. Zeit und Aufmerksamkeit. Ein Raum, der im Alltag fast nicht existiert


Sich mehrere Stunden Zeit nur für sich zu nehmen, ist für viele Menschen heute eine Seltenheit. Man gönnt sich und anderen solche Zeiten am ehesten noch beim Friseur oder in der Sauna, dochselbst dort ist der Kopf oft voll. Nachrichten, To-do-Listen, Gedanken an das Danach. Beim Bodypainting fällt vieles davon weg. Es gibt nichts zu erledigen. Das Erlebnis ist an sich spannend genug, dass viele ganz von selbst das Handy weglegen und sich ganz auf den Moment einlassen. Für manche fühlt sich das zunächst ungewohnt oder sogar konfrontierend an. Gleichzeitig ist es sehr befreiend einfach sein zu dürfen. 

Warum das psychologisch plausibel ist. Drei Konzepte, die sich in der Praxis zeigen


Embodiment. Der Körper formt das Erleben


Embodiment beschreibt, dass Psyche nicht nur im Kopf passiert. Unser Erleben ist körperlich. Haltung, Spannung, Atmung, Berührung. Das alles beeinflusst Emotionen und Selbstwahrnehmung. Wenn jemand stundenlang erlebt, wie der eigene Körper zum Ort von Gestaltung wird, kann das die innere Beziehung zum Körper verschieben. Vom Objekt, das bewertet wird, hin zum Subjekt, das erlebt.


Neuroästhetik. Kunst als emotionaler Verstärker


Ästhetische Erfahrungen aktivieren nicht nur „schöne Gefühle“. Sie können Belohnungssysteme, Emotionsverarbeitung und Selbstreflexion anstoßen. Besonders dann, wenn das Erleben persönlich relevant ist und mehrere Sinne gleichzeitig angesprochen werden. Bodypainting ist genau das. Der eigene Körper wird zum Kunstwerk. Nicht nur als Idee, sondern als Realität, die ich wortwörtlich begreifen und dadurch erleben kann.


Neuroplastizität. Warum Bilder nachwirken können


Ein einzelner Moment reicht oft aus, um eine Tür zu öffnen. Damit sich etwas wirklich verfestigt, braucht es Wiederholung. Viele Modelle greifen später immer wieder zu den Bildern ihres Bodypaintings. Mit jedem Betrachten und auch mit jeder Erzählung taucht ein Teil des damaligen Gefühls wieder auf und kann sich allmählich im Selbstbild verankern und dazu beitragen sich selbstbesser anzunehmen.

Mystics (Painting/Foto: Elisabeth Mader)

Der Welleneffekt. Warum Selbstakzeptanz nie nur privat bleibt


Wenn Menschen sich selbst weniger bekämpfen bringen oft mehr Ruhe ins System, in die Familie, die Arbeit oder die Partnerschaft. Das Stresslevel sinkt und im Gehirn wird Kapazität frei. Die Kinder sind noch genauso laut wie vorher, der Stau noch genau so lang und die Schlange an der Kasse bewegt sich immer noch gleich langsam voran wie vorher, doch die Art und Weise, wie wir darauf reagieren verändert sich. Selbstakzeptanz ist nicht nur ein persönliches Wohlfühlthema. Sie ist eine Form von innerer Entlastung, die nach außen wirkt. 


Grenzen. Wann Bodypainting nicht passt, und warum einsicherer Rahmen entscheidend ist


Ein wichtiger Aspekt: Bodypainting ist keine Therapie. Bodypainting an sich ist nicht „gefährlich“, doch es kann Dinge ans Licht bringen, die überfordern. Daher kann es bei tiefen Traumata oder starker Körperdysmorphie helfen sich im Vorfeld mit psychologischen Fachkräften auszutauschen.Auch Berührung kann Trigger auslösen. Was hilft, ist ein sicherer Rahmen. Zeitdruck vermeiden. Pausen erlauben. Grenzen respektieren. Klare Kommunikation. Und die Freiheit, abzubrechen.


Die Wirkung ist sehr individuell. Manche erleben eine tiefe Veränderung. Andere erleben einfach einen tollen, spannenden Tag und erfreuen sich später an den Bildern. Beides ist wertvoll. Mir ist wichtig den Raum für Erlebnisse zu schaffen, ohne eine Erwartungshaltung aufzubauen oderErgebnisse zu versprechen.


Warum ich mir mehr Forschung wünsche


Bodypainting wird in manchen Kontexten bereits genutzt, zum Beispiel in Projekten rund um Brustkrebs, Amputationen und Narben, dennoch fehlt systematische Begleitforschung.

 

Mich interessieren Fragen wie:


  •  Welche Ausgangslagen begünstigen eine nachhaltige Wirkung auf das Selbstbild
  •  Wie lange hält die Veränderung an, und was verstärkt sie
  •  Welche Rolle spielen Motivwahl, Symbolik und persönliche Bedeutung
  •  Wie lässt sich ein Painting sinnvoll mit Coaching, Körperarbeit oder Therapie verbinden, ohne es zu instrumentalisieren


Ich sehe hier großes Potenzial für interdisziplinäre Zusammenarbeit. Kunsttherapie, Körperpsychotherapie, Neurowissenschaft, Coaching, und die Praxis von Körperkünstlerinnen. Nicht, um Bodypainting zu „beweisen“. Sondern um besser zu verstehen, wann und wie es hilfreich sein kann.

Fazit. Farbe als Tor zur Selbstbegegnung


Bodypainting kann einen ungewöhnlichen Zugang zur Selbstakzeptanz eröffnen, weil es nicht nur im Kopf stattfindet. Es spricht mehrere Sinne gleichzeitig an und wirkt über Wahrnehmung, Berührung, Zeit und emotionale Bedeutung. Es kann Autopiloten unterbrechen und so neue Perspektiven ermöglichen, die einen inneren Anker setzen, der nachwirkt.


Wir können nicht die ganze Welt heilen, doch wir können unseren eigenen kleinen Mikrokosmos verändern. Vielleicht ist genau das die stille Revolution in einer Zeit, die uns ständig sagt, wir müssten anders sein. In dem wir bei uns selbst beginnen uns zu akzeptieren, haben wir die Chance unser Umfeld positiv zu beeinflussen und haben so durchaus eine Chance die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Sich selbst zu begegnen, ohne sich zu verurteilen und zu merken: Ich bin okay, so wie ich bin. 

Elisabeth (Foto: Julia Sidorenkova)

Zur Autorin


Elisabeth Mader ist international ausgezeichnete Bodypainterin, Make-up-Artist und Mediendesignerin (B. A.). 

Seit 2012 arbeitet sie selbstständig im Bereich künstlerische Körpergestaltung. In ihrer Arbeit verbindet sie Bodypainting mit Fragen von Selbstbild, Körperwahrnehmung und innerer Veränderung.


Daraus entstand 2025 das Buch „Vom Sehen zum Fühlen“ in dem sowohl persönliche Erfahrungenmit Körperunsicherheit, 13 Jahre Bodypainting-Praxis, als auch psychologische Perspektiven zueinem körperorientierten Zugang zu Selbstwahrnehmung und innerer Veränderung zum Thema werden.


Kontakt: mail@elisabethmader.de

Website: www.elisabethmader.de

Literatur, Auswahl


Kahneman, D. (2012). Schnelles Denken, langsames Denken.

Magsamen, S. & Ross, I. (2023). Your Brain on Art: How the Arts Transform Us.

Niedenthal, P. M. (2007). Embodying emotion. Science, 316(5827), 1002–1005.

Rizzolatti, G. & Craighero, L. (2004). The mirror-neuron system. Annual Review of Neuroscience,27, 169–192.

Nickerson, R. S. (1998). Confirmation bias. Review of General Psychology, 2(2), 175–180.

Draganski, B. et al. (2004). Changes in grey matter induced by training. Nature, 427, 311–312. 


Beitragsbild „RedQueen“ - Elisabeth Mader (Foto: PixelutionsPhotography)

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