Einen Scheiß muss ich: Abnehmen ohne Verzicht

Es ist schon eine ganze Weile her. Ich stand in der Küche, das Kochbuch aufgeschlagen, und wog eine Portion Nudeln ab. Genau 60 Gramm zeigte die Waage, so wie es sich gehörte, so wie ich es jahrelang gemacht hatte. Und dann stellte ich die Waage zum ersten Mal weg und kochte mir eine ordentliche Portion, mit viel zu viel Käse.

Diesen Moment hatte ich fast vergessen. Bis Silke Geissen zu ihrer Blogparade „Einen Scheiß muss ich!“ eingeladen hat. Kaum hatte ich den Titel gelesen, war die Szene wieder da. Und mit ihr mein ganzer Diät-Rucksack, der mir vor die Füße gefallen ist. All die Regeln, die ich mal für heilig gehalten habe. All die Sätze, die ich mir eingeredet habe und denen ich mal mehr, mal weniger brav gefolgt bin, jahrzehntelang.

Frau untersucht mit Lupe Waage, Maßband und Diät-Rucksack – Symbolbild für alte Diätregeln beim Abnehmen ohne Verzicht

Also gut. Nimm dir ein bisschen Zeit fürs Lesen. Ich packe aus, was ich als Abnehmdetektivin heute mit voller Überzeugung nicht mehr muss. So sieht abnehmen ohne Verzicht bei mir aus. Und du darfst gern mitfühlen, wenn dir der eine oder andere Punkt bekannt vorkommt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Abnehmen ohne Verzicht heißt Genuss statt Diätregeln. Du musst weder hungern noch jede Kalorie zählen.
  • Der größte Teil einer Diät spielt sich im Kopf ab. Food Noise, das ständige Denken ans Essen, ist ein Programm und lässt sich verändern.
  • Du brauchst keine Disziplin, sondern neue Gewohnheiten und einen anderen Blick auf dich selbst.
  • Am Anfang helfen ein paar wenige Regeln, die du mit Bedacht wählst, damit du dich nicht überforderst.
  • Ich habe selbst 27 kg abgenommen, ohne Verbote.


Inhaltsverzeichnis
 
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Wie viele Musses in einer einzigen Diät stecken

Ich war lange Weltmeisterin im Müssen. Seit der Pubertät kenne ich das Spiel. Ich muss abnehmen. Ich muss durchhalten. Ich muss stark sein. Ich muss die Kekse im Schrank ignorieren, obwohl sie den ganzen Abend nach mir rufen.

27 Kilo habe ich abgenommen. Und der wichtigste Teil dieser Geschichte ist nicht die Zahl auf der Waage. Es ist der Moment, in dem ich gemerkt habe: Der größte Teil meiner Diät war gar kein Essen. Es war Müssen. Ein ständiges, leises Kommando im Kopf sagte mir, was ich zu tun, zu lassen und zu fühlen hatte. Heute nennt sich das Food Noise, dieser Radiosender im Kopf, der nie Pause macht.

Und irgendwann habe ich den Sender gewechselt. Ich habe ihn nicht mit Willenskraft von einem Moment auf den anderen leiser gedreht, so wie es die Abnehmspritze macht, wenn sie wirkt. Denn kaum lässt die Wirkung nach oder du setzt die Spritze ab, kommt der Lärm zurück. Ich habe ihn stattdessen mit Wiederholung, mit Selbsthypnose und mit einem anderen Blick auf mich selbst leiser gedreht. Heute nehme ich meine alten Musses unter die Lupe wie eine Detektivin einen Fall. Und die meisten davon halten der Prüfung nicht stand.

Weißt du, was mich damals am meisten überrascht hat? Wie viele dieser Musses gar nicht von mir kamen. Sie steckten in Frauenzeitschriften, in gut gemeinten Ratschlägen, in dem, was „man“ eben so macht, wenn man abnehmen will. Ich hatte sie nie hinterfragt. Ich hatte sie geschluckt wie eine Vorschrift, an der man nicht rüttelt. Und mein Job als Abnehmdetektivin besteht genau darin, zu rütteln, nachzufragen und den Fall neu aufzurollen, für jede Frau ganz individuell und auch dann, wenn ihn alle längst für abgeschlossen halten.

Was ich beim Abnehmen einen Scheiß muss

Hier kommt meine Liste. Das ist kein Gesetz und keine Vorschrift. Ich sammle nur das, was ich selbst über Bord geworfen habe und was ich meinen Klientinnen und allen anderen jeden Tag von Herzen wünsche.

Ich muss nicht jede Kalorie zählen. Ich habe Jahre damit verbracht, Äpfel zu wiegen und Milch für den Kaffee abzumessen. Wissen über Kalorien und Makros ist wertvoll, keine Frage. Aber wenn das Zählen dich abends um den Schlaf bringt, dann zählst du nicht deine Kalorien. Du zählst deine Angst.

Ich muss nicht verzichten, um schlank zu werden. Verzicht war mein zweiter Vorname. Ich strich Brot, Zucker und das Abendessen. Und jedes Mal kam der Heißhunger zurück und holte sich, was ich ihm verboten hatte, mit Zins und Zinseszins. Mein Motto heute heißt Genuss statt Verzicht. Nudeln mit Käse gehören dazu, wenn du es magst, versprochen.

Ich muss abends nicht die Kontrolle behalten. Weißt du, wie oft ich mir gesagt habe: Heute halte ich durch, heute nicht. Und dann saß ich um neun mit der Chipstüte auf dem Sofa und war wütend auf mich. Kontrolle ist anstrengend, weil sie irgendwann reißt. Ich brauche keine Kontrolle mehr. Ich habe verstanden, warum ich abends überhaupt zum Essen greife, und das hat den Sog leiser gemacht.

Ich muss nicht den ganzen Tag ans Essen denken. Food Noise fühlte sich normal an, wenn man ihn nie anders kannte. Ich dachte, so ist das eben, so ticke ich. Aber das stimmt nicht. Es ist ein Programm, und ein Programm kannst du verändern. Heute ist es in meinem Kopf einfach still, wenn ich nicht hungrig bin. Diese Ruhe wünsche ich dir so sehr.

Frau dreht abends am Radio den inneren Food Noise leiser – Symbolbild fürs Abnehmen ohne Verzicht

Ich muss keine Vorher-Nachher-Bilder liefern. Du kennst das Bild von der Frau im Bikini, die stolz ihre alte Jeans hochhält. Ich mache das nicht. Dein Wert hängt nicht an zwei Fotos im Abstand von zwölf Wochen. Und schon gar nicht daran, ob du in eine bestimmte Hose passt. Wie geht’s dir innerlich?

Ich muss nicht diszipliniert sein. Der Satz, der mich am meisten geärgert hat: „Du musst nur diszipliniert sein.“ Als wäre ich einfach zu schwach gewesen. Dabei liegt es nie an fehlender Disziplin. Es liegt an Gewohnheiten und an Gedanken, die dich unbewusst zum Essen führen. Ändere die, und du brauchst keine Disziplin mehr, die du sowieso nie durchhältst.

Ich muss nicht erst schlank sein, um mich wohlzufühlen. Silke hat es in ihrer Einladung so schön geschrieben: Du musst nicht abnehmen, bevor du anfängst, dein Leben zu mögen. Ich unterschreibe das sofort. Ich habe mich lange erst am Ziel für liebenswert gehalten. Das war der teuerste Denkfehler meines Lebens. Das Wohlfühlen kommt nicht nach dem Abnehmen. Es geht voraus. „Wenn du glücklich bist, nimmst du ab“ ist heute meine Überzeugung.

Ich muss nicht jedem Diät-Trend hinterherlaufen. Low Carb, Intervallfasten, Kohlsuppe, die nächste Wunderformel aus dem Internet: Ich habe fast alles ausprobiert. Und jedes Mal war ich am Anfang euphorisch und am Ende enttäuscht. Ich brauche keinen neuen Trend. Ich brauche etwas, das zu meinem Leben passt, bleibt und schmeckt.

Ich muss mich nicht jeden Morgen wiegen. Die Waage war mein Richter. Zeigte sie eine gute Zahl, wurde es ein guter Tag. Zeigte sie eine schlechte, rutschte die Laune in den Keller, noch bevor der Kaffee fertig war. Dabei sagt eine einzelne Zahl so wenig über dich aus, denn Wasser, Hormone und Muskeln spielen alle mit. Ich habe die Waage vom Thron gestoßen. Sie darf hin und wieder etwas melden, aber sie regiert nicht mehr meinen Tag.

Ich muss mich nicht als hoffnungslosen Fall abstempeln. „Ich glaube, ich bin einfach ein hoffnungsloser Fall.“ Diesen Satz höre ich von so vielen Frauen. Und ich habe ihn selbst gedacht. Er ist gelogen. Du hast nicht versagt. Dir hat nur nie jemand gezeigt, dass es an den falschen Stellschrauben lag.

Ich muss mich nicht rechtfertigen, wenn ich ein Stück Kuchen esse. Früher habe ich jedes Stück Kuchen kommentiert, bevor es überhaupt jemand sehen konnte. „Ich sündige jetzt mal.“ „Morgen mache ich dafür Sport.“ Als müsste ich mich entschuldigen fürs Essen. Ich muss gar nichts erklären. Ich esse den Kuchen, genieße ihn und gehe weiter, ganz ohne schlechtes Gewissen. Und ich behaupte felsenfest, dass er mit so einer Einstellung gar nicht erst auf den Hüften landet.

Ich muss nicht hungern. Hungern macht keinen Menschen dauerhaft schlank. Es macht dich müde, gereizt und irgendwann heißhungrig. Ich esse lieber, mit Genuss, mit allen Sinnen und mit viel Käse.

Und was bleibt, wenn all das Müssen weg ist? Wie geht Abnehmen ohne Verzicht?

Jetzt könntest du denken: Na toll, Ildiko, wenn ich einen Scheiß muss, dann lasse ich es eben ganz und mache Pizza-Party bis zum Umfallen. Verstehe ich. Aber so meine ich es nicht.

Denn ganz ohne alles geht es am Anfang der Reise nicht. Wenn du mit mir startest, gibt es schon ein paar Regeln und ein bisschen Struktur, an der du dich festhalten darfst. Der Unterschied liegt darin, wie du sie wählst. Nicht zwanzig auf einmal, sondern die zwei, drei, die gerade zu deinem Leben passen. So überforderst du dich nicht. Du nimmst dir mit Bedacht das, was dich trägt, und lässt den Rest erst mal liegen. Schritt für Schritt darf mehr dazukommen, wenn du so weit bist, und zwar nur das, was dich weiterbringt.

Aus jedem „Ich muss“ darf so ein „Ich will“ werden. Und das fühlt sich völlig anders an. Ich will mich in meinem Körper wohlfühlen. Ich will morgens gern in den Spiegel schauen. Ich will kochen und genießen und trotzdem leichter werden. Das ist kein Zwang mehr. Das ist meine Wahl.

Meine Abnehmreise ist wie leichtes Bergwandern. Mal geht es hinauf, mal wieder ein Stück hinunter, und der Schwierigkeitsgrad wechselt. Aber du musst den Berg nicht im Sturmschritt bezwingen. Du gehst Schritt für Schritt, mit deinem eigenen Proviant im Rucksack. Und wenn du einen Umweg machen möchtest, besprich das mit deiner Bergführerin. Gemeinsam findet ihr eine Lösung, und dann darf das so sein.

Was bleibt, ist erstaunlich wenig Anstrengung und erstaunlich viel Ruhe. Keine Waage, die über deinen Tag entscheidet. Kein Radiosender im Kopf, der ständig übers Essen redet. Stattdessen genieße den Regenbogen auf dem Teller, iss ohne Reue und spüre, dass du das hier für dich machst und nicht gegen dich. Darum geht es bei meiner Inneren-Lichtschalter-Methode. Ich kann den Schalter nicht für dich umlegen. Aber ich kann mit dir herausfinden, wo er sitzt, wenn du das magst und zulässt.

Frau legt den inneren Lichtschalter um und wechselt vom dunklen Raum ins helle, gedeckte Esszimmer

Das ist der Unterschied zwischen einer Diät und einem Leben. Die Diät sagt: Du musst. Ich sage: Du darfst herausfinden, was du wirklich willst.

Häufige Fragen zu Abnehmen ohne Verzicht

Kann man ohne Verzicht abnehmen?

Ja. Verzicht löst meistens Heißhunger aus, und der holt sich später mit Zins und Zinseszins zurück, was du dir verboten hast. Wer mit Genuss isst und die eigenen Essgewohnheiten versteht, nimmt leichter ab und hält das Gewicht auch.

Was ist Food Noise?

Food Noise ist das ständige, aufdringliche Denken ans Essen, ein Radiosender im Kopf, der nie Pause macht. Das ist keine Charakterschwäche, sondern ein Programm. Und eine Prrogramm kannst du verändern.

Muss ich zum Abnehmen Kalorien zählen? 

Nein, musst du nicht. Wissen über Kalorien und Makros ist wertvoll. Aber wenn das Zählen dich abends um den Schlaf bringt, zählst du nicht mehr deine Kalorien, sondern deine Angst. Es geht auch ohne.

Warum nehme ich trotz Diät nicht ab? 

Oft liegt es nicht am Essen, sondern an Gewohnheiten und Gedanken, die dich unbewusst zum Essen führen, gerade abends. Solange die sich nicht ändern, kommt das Gewicht immer wieder zurück, auch nach einer Abnehmspritze.

Wie werde ich abends den Heißhunger los? 

Nicht mit mehr Kontrolle, denn die reißt irgendwann. Sondern indem du verstehst, warum du abends überhaupt zum Essen greifst. Sobald der Grund klar ist, wird der Sog leiser.

Jetzt bist du dran

Also, welchen Diät-Muss trägst du noch mit dir herum, obwohl er dir schon lange nichts mehr bringt? Ist es das Kalorienzählen? (Was per se nicht schlecht ist, aber ohne Muss.)

Die Kontrolle am Abend?

Der Glaube, du müsstest erst schlank sein, um dich zu mögen?

Schreib es in die Kommentare, oder per Mail. Ich lese jeden einzelnen.

Und wenn du merkst, dass es in deinem Kopf endlich mal still werden darf, dann drück deine Reset-Taste. Ich habe dir für den Einstieg meine „5+1 Zutaten gegen den süßen Jieper“ vorbereitet, kostenlos, damit der erste Schritt leicht wird.

Ein herzliches Dankeschön an Silke für dieses großartige Thema. Es hat mir richtig Spaß gemacht, meinen Diät-Rucksack auszukippen.

Lass mich das Geheimnis deines schlanken Ichs entschlüsseln.

Deine Abnehmdetektivin Ildiko

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  1. Liebe Ildiko,

    was für ein wunderbar befreiender Artikel, den ich gerade – etwas reuevoll übersatt auf meinem Bett sitzend – lese. Ich kann es bestätigen, der Hunger hat so viele Facetten, und so vieles, was ihn auslöst. Bei mir waren es heute persönlich sehr herausfordernde Situationen, da habe ich nicht gemerkt, dass ich mir vielleicht auch eine oder zwei Scheiben Toast weniger hätte schmieren können. Und doch war es so. Muss ich deswegen jetzt den ganzen Tag leiden und mich beschimpfen? Einen Scheiß muss ich!

    Die Nudelwiegerei kenne ich auch, schlimm! Das Witzige ist, wenn es mir gut geht, habe ich ganz automatisch Lust auf Essen, das mir gut tut, mich nicht mästet, und mir ein glückliches Gefühl gibt. Kochen und Essen zubereiten macht so viel Freude und Lust, wenn es positiv belegt ist; ich habe mich total in deinem Artikel wiedergefunden. Umso schöner, dass du ihn mir zum Geschenk für meine Blogparade machst – vielen herzlichen Dank!

    Du bist übrigens die Nummer 20, wie wunderbar! Ich freue mich riesig, dass ich dich inspirieren konnte, und noch riesiger über das, was dabei herausgekommen ist.

    Ich schicke dir ganz herzliche Grüße aus Hamburg,
    Silke

    1. Liebe Silke,

      das hast du für dich so schön erkannt, danke dir für deine berührenden Worte. Es freut mich sehr, dass ich mit meinem Artikel etwas dazu beitragen konnte. Und was für ein Erfolg deine Blogparade ist! Du hast da wirklich ein mega Thema gewählt!

      Ganz liebe Grüße nach Hamburg
      Ildiko

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